Technische Hilfsmittel im Fußball: Fluch oder Segen?

Tor oder kein Tor?! Immer wieder kommt es im Fußball zu umstrittenen Entscheidungen und die Einführung des Video-Assistenten hat der Sache auch kein Ende bereitet. Im folgenden Artikel betrachten wir bei Betsson Sportwetten die Hintergründe, die zur Entwicklung der Torlinientechnik und der Einführung des Video-Assistenten führten und welche Rolle die vielen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter bei der WM 2010 dabei gespielt haben.


Index: technische Hilfsmittel im Fußball


Südafrika WM 2010 – die Weltmeisterschaft der Fehler

Von Frank Lampards „Bloemfontein-Tor“ über den Abseitstreffer von Tavez gegen Mexiko, bis hin zum doppelten Handspiel von Luis Fabiano gegen die Ivorer. Hier seht ihr die drei gravierendsten Schiedsrichterfehler der WM 2010, die auch die größten Gegner von der Notwendigkeit von technischen Hilfsmitteln überzeugten.

„Das Bloemfontein Tor“

WM-Achtelfinale Deutschland vs. England

27. Juni 2010: Im Achtelfinale der WM 2010 zwischen Deutschland und England kam es zu einer krassen Fehlentscheidung, die als Rache für das Wembley Tor in die Fußballgeschichte einging. In der 37. Minute zog Frank Lampard auf das Tor von Manuel Neuer ab und der Ball sprang von der Latte ungefähr einen halben Meter hinter die Torlinie.

Manuel Neuer reagiert beim Bloemfontein Tor blitzschnell
Nach jahrelangem Hin und Her waren es Tore wie diese, die auch den letzten Gegner der Technik (Sepp Blatter) davon überzeugte, dass auf das Schiedsrichter Team nicht immer Verlass ist.

Schiedsrichter Jorge Larrionda gab das Tor von Bloemfontein zum großen Entsetzen der Engländer nicht. Deutschland gewann das Achtelfinale dank eines Doppelpacks des WM-Torschützenkönigs Thomas Müller mit 4:1. Das Bloemfontein-Tor von Frank Lampard seht ihr hier im Video. Es war nicht die einzige Fehlentscheidung bei dieser WM und nicht das erste Mal, dass Jorge Larrionda ein klares Tor nicht gegeben hat. Beim WM-Qualifikationsspiel zwischen Brasilien und Kolumbien (14. Oktober 2004) übersah der uruguayische Schiedsrichter einen Treffer, der ganze 58 cm hinter der Torlinie landete.


Tevez Abseitstor

WM-Achtelfinale Argentinien vs. Mexiko

Auch die Argentinier profitierten in ihrem Achtelfinalspiel gegen Mexiko von einer Fehlentscheidung des Schiedsrichter Roberto Rosetti. Beim Zuspiel von Lionel Messi auf Carlos Tevez (26.) zum 1:0 stand der Torschütze klar im Abseits und trotzdem zählte sein Treffer. Dass die umstrittene Szene auf der Videowand des First National Bank Stadiums in Johannesburg gezeigt wurde, machte die Sache noch schlimmer.

Tevez erzielt das Tor gegen Mexiko

Normalerweise werden solche Szenen nicht im Stadion gezeigt, aus Angst sie könnten unter den Zuschauern und Spielern zu Unruhen führen. Roberto Rosetti und sein Linienrichter schielten auf die Videowand und wussten, dass das Tor hätte nicht zählen dürfen. Der 2008 noch als Weltschiedsrichter ausgezeichnet Rosetti gab wenige Wochen nach dem Spiel seinen Rücktritt bekannt. Die Szene seht ihr hier im Video (00:27).


Doppeltes Handspiel im

WM-Spiel Brasilien vs. Elfenbeinküste

Im Spiel um den Einzug ins Achtelfinale zwischen Brasilien und dem Team aus Elfenbeinküste machte der Schiedsrichter gleich mehrere Fehler. Stephane Lannoy schickte den Brasilianer Kaka völlig ungerechtfertigt mit Rot vom Platz und ließ im Gegenzug mehrere rotwürdige Fouls der Ivorer ungeahndet. Sein wohl größter Fehler war jedoch der Treffer von Luis Fabiano. Wie in der Wiederholungfür jedermann zu sehen war, führte der Brasilianer den Ball auf dem Weg zum 2:0 gleich zweimal mit der Hand.

fabiano mit doppeltem Handspiel in der WM 2010

Was die Sache noch schlimmer machte, der französische Schiedsrichter gab den Treffer zwar, joggte dann aber neben dem Torschützen her und zeigte auf seinen Arm. Vielleicht war der Schiri durch den ohrenbetäubenden Vuvuzela-Lärm nicht ganz bei Sinnen? Lannoy wusste es war Handspiel, gab das Tor und rügte dann den Spieler. Diese Szene seht ihr hier im Video.


Fortschritt durch Technik? Von der Torlinientechnik zum Videobeweis

Nachdem es zwei Jahre später in einem Vorrundenspiel der EM zu einer weiteren skandalösen Entscheidung kam und ein Treffer der Ukraine gegen England nicht anerkannt wurde, sprach sich FIFA-Chef Sepp Blatter über Twitter für die Torlinien-Technologie aus und nannte sie sogar „eine Notwendigkeit“.

Ausgeführt wurde die Technologie erstmals von einer deutschen Firma. Bei der FIFA-Klub-Weltmeisterschaft 2012 und beim FIFA-Konföderationen-Pokal 2013 kam Goal Control 4 D, ein computergestütztes und kamerabasiertes System, zum ersten Mal zum Einsatz. Hier werden 14 Kameras am Stadiondach angebracht, die den Ball an der Torlinie mit 500 Bildern pro Sekunde verfolgen.

Überquert der Ball die Torlinie, wird ein Signal auf das Display einer speziellen Uhr am Handgelenk des Schiedsrichters gesendet. Doch auch diese Technik versagt manchmal.

Hawk-Eye-Fehler: das nicht gegebene Sheffield-Tor

Premier League Abstieg verhindert durch fehlerhafte Torlinientechnik
Aston Villa hat seinen Nichtabstieg vielleicht auch diesem Fehler zu verdanken. Keeper Nyland fängt den Ball hinter der Linie. Das Tor zählt nicht.

Am 16. Juni 2020 traf der Tabellen-19 Aston Villa auf Sheffield United. Das Spiel endete 0:0 weil ein Tor von Oliver Norwood nicht gegeben wurde. Einige Wochen später hielt Villa die Klasse mit einem Punkt Vorsprung auf die Absteiger AFC Bournemouth und FC Watford. Weder der Schiedsrichter noch die Torlinientechnik erkannte, dass Torwart Örjan Nyland den Treffer von Norwood klar hinter der Torlinie fing. Die Szene seht ihr hier im Video.


Eine kurze Chronologie der Technik im Fußball

Bei der U-17-Fußball-WM 2005 in Peru wurde erstmals ein Chip-Ball in einem Turnier getestet. Der von Adidas, dem Fraunhofer-Institut in Erlangen und der Firma Cairos Technologies AG entwickelte Fußball funktioniert mit einem integrierten Transmitter, konnte sich allerdings nicht gegen die Torlinientechnik durchsetzen.

  • 22. Februar 2000: FIFA-Präsident Joseph Blatter spricht sich gegen den grundsätzlichen Video-Beweis aus. Tor-Technologie soll aber getestet werden. Gegen eine Kamera, die einfach nur Tor Ja oder Nein entscheidet, habe er nichts einzuwenden.
  • 6. März 2010: In Zürich erklärt die FIFA, von Tor-Technologien „endgültig Abstand zu nehmen“. Präsident Blatter begründete die Absage damals mit den hohen Kosten.
  • Vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2010: Selten trafen Schiedsrichter so viele schlechte Entscheidungen wie bei der WM 2010! Erstmals äußerte sich die FIFA nach einer WM kritisch zu den Leistungen der Schiedsrichter und positiv über die Möglichkeit von technischen Hilfsmitteln im Fußball.
  • 16. Mai 2012: Die FIFA testet erstmals die Torkamera «Hawk-Eye» im Finale des Hampshire FA Senior Cups in England.
  • 20. Juni 2012: Im Vorrunden-Spiel der EM wird trotz der zusätzlichen Torrichter ein Treffer der Ukraine gegen England nicht anerkannt. Das osteuropäische Land scheidet aus. FIFA-Chef Blatter twittert, die Torlinien-Technologie sei jetzt eine Notwendigkeit.

Fluch oder Segen? Von der Torlinientechnik in den VARnsinn des Kölner Kellers

Erstmals kam der Videobeweis bei der WM 2018 zum Einsatz. In der Bundesliga schon ein Jahr zuvor.

So sollte der Videobeweis im Fußball funktionieren

Bei einem Fußballspiel kommen in der Regel zwischen 17 und 21 Kameras zum Einsatz, auf die der Video-Assistent im Kölner Keller Zugriff hat und auffällige Szenen markiert. So soll dem Video-Schiri das lästige Hin- und Herspulen erspart bleiben. Weshalb es dennoch oft eine gefühlte Ewigkeit dauert, bis der VAR seine Entscheidung trifft, ist uns ein Rätsel.

Wenn sich der Schiedsrichter am Rande des Spielfelds die Szene noch einmal ansieht, dürfen ihm die Spieler nicht über die Schulter schauen oder es gibt gelb. Entschieden wird generell im Stadion, die Männer in Köln sind Assistenten und handeln nur dann, wenn der Schiedsrichter eine klare und offensichtliche Fehleinschätzung liefert, und zwar in den folgenden Fällen:

  • Torerzielung (Foul, Handspiel, Abseits und andere Regelwidrigkeiten bei oder im Vorfeld der Torerzielung)
  • Strafstoß / Elfmeter (nicht oder falsch geahndete Vergehen)
  • Rote Karte (nicht oder falsch geahndete Vergehen)
  • Verwechslung eines Spielers (bei Roter, Gelb-Roter oder Gelber Karte)

Ärgerliche Fehlentscheidungen des VAR

UEFA Champions League Achtelfinale 9. März 2021

Borussia Dortmund vs. Sevilla 2:2

Zuletzt war es die Szene um den Dortmunder Stürmer Erling Haaland im Champions-League-Spiel gegen Sevilla. Haaland traf nach einem Rempler gegen Fernando zum 2:0. Der Video-Schiri griff ein und beanstandete den Rempler Haalands und ein vorangegangenes leichtes Foul an Haaland. Das Tor wurde aberkannt und Elfmeter gegeben, der zweimal ausgeführt werden musste, da sich der Torwart zu weit von der Linie entfernte. Haaland provozierte bei seinem Torjubel und sah gelb.

Der Einsatz von Haaland vor dem 2:0 war hart, aber eine klare Fehlentscheidung? Acht Minuten dauerte das Debakel samt wiederholtem Elfmeter und am Ende gab es dasselbe Ergebnis: Tor für Dortmund.

DFB Pokal Viertelfinale 3. März 2021

Rot-Weiss Essen gegen Holstein Kiel

Viel Ärger gab es um die Elfmeterentscheidung im Viertelfinalspiel zwischen dem Viertligisten Rot-Weiss Essen und dem Zweitligisten Holstein Kiel. Der Elfmeter-Pfiff zum 1:0 für Kiel war eine klare Fehlentscheidung!

Einmal hingucken reicht eigentlich, um zu sehen, dass der Kontakt minimal war und der Kieler Finn Porath im Rasen hängenblieb. Trotzdem gab der Schiedsrichter im Viertelfinale gegen den Underdog den Elfmeter. Kein Wunder, dass die vier Herren in Köln einmal mehr im Netz aufs Übelste beschimpft wurden.

Die Szene im Spiel seht ihr hier.

2. Liga: Würzburger Kickers gegen Holstein Kiel

Und wieder profitierte Kiel. Grund war die krasse Fehlentscheidung des Video-Assistenten beim Zweitligaspiel von Holstein Kiel gegen die Würzburger Kickers (1:0). Petersen erkannte eine falsche Elfmeter-Entscheidung von Referee Thorben Siewer nicht und wurde nach diesem Spiel als Video-Assistent abgesetzt.

Was haltet Ihr vom Video-Schiri?

Besonders beliebt ist der Video-Assistent nicht. Wenn der DFB ein Video zum VAR ins Netz stellt, bleibt die Kommentar-Funktion aufgrund des „hohen Aufkommens unsachlicher und beleidigender Beiträge“ oft ausgeschaltet. Was meint ihr, ist die Einführung des Kölner Kellers eine Notwendigkeit gewesen? An welche Fehlentscheidungen erinnert ihr euch? Sagt es uns in euren Kommentaren.